Die phantastischen Welten des Eckart Meisel

Verließ sich Eckart Meisel vor Jahren noch auf sein unmittelbares Erleben, seine Erfahrungen, Träume und Hoffnungen, sie in sinnlich spielerischer Weise aus sich herauszuschreiben, sie gegen die ihn umzingelnde Welt zu stellen, mutwillig, oft augenzwinkernd, nie verbissen, versucht er mit seinen neuesten Malereien, sich darüber hinaus in die weitverzweigten mythologischen Traditionen der Weltkultur einzubinden. Dieses untergründig die Menschheit noch immer prägende Wissen durchstreift der Künstler quer von Ost nach West, von Nord nach Süd, sich anregen zu lassen, Urmythen, kosmische Archetypen zu finden. Dass Eckart Meisel dabei der christlichen Mythologie, ihren auch in der bildenden Kunst tradierten Mustern besondere Aufmerksamkeit schenkt, verwundert nicht.

Aber er wäre nicht der, der er ist, wenn er nicht erst einmal alles durcheinanderwirbeln würde, alte Muster aufzubrechen, verschiedenste kulturelle Stränge ahnungsvoll miteinander zu verbinden. Eigenwillig und unbekümmert geht er dabei zu Werke, nimmt sich, was er braucht, es auf seinen Leinwänden als eigenes Land auferstehen zu lassen. Baut so an seiner gemalten Welt weiter, sie quasi von innen zu stabilisieren, ihr eine Art geistiges Gerüst zu geben. Über die Ergebnisse staunt er oft selbst und kann sich seines erzählerischen Talents nicht erwehren, diese seine Malereien mit Interpretationen zu begleiten. Die Beitexte sind Vergewisserungen, mit denen er seine Schöpfungen absichert, gerade so, als wollte er Kindern schneller das Laufen lehren, auch wenn er weiß, dass er damit nicht ihre Laufrichtungen bestimmen kann. Verwirrende Vielfalt breitet sich vor unseren Augen aus. Königinnen und Narren, Ritter, Engel und Drachen, Schlangen, Fische, Pferde, eine Heuschrecke, Fabelwesen agieren in offenen Landschafträumen mit weiten Flächen und sich hochspannenden Himmeln. Wasserflächen und Erdschollen setzen sich voneinander ab, sich aufreckende Türme und andere architektonische Aufbauten stehen wie selbstverständlich herum, an einer phantastischen Maschine werden Schicksale gesponnen. Augen scheinen auf, als wären sie Schmetterlingsflügel, zugleich dem allsehenden Auge Gottes verwandt. Immer wieder obskure Kopfbedeckungen, wie Kronen und Hüte bis hin zu einem mühlsteinartigen Hauptschmuck. Aus manchen sprießen Pflanzen mit tentakelähnlichen Blütenstielen, die auf- und niederschießen, unergründliche Zusammenhänge andeutend. Mondsicheln treiben auf, Blitze werden geschleudert, Blüten verteilt. Köpfe lagern gleichberechtigt neben Frauengestalten, mit ihnen zu kommunizieren.

Die in solchen Bildwelten Agierenden folgen keiner Zentralperspektive, sie werden nach Bedeutung gestaffelt in die Bildräume eingebracht. Die Bildräume wiederum wirken im Gegensatz zur Turbulenz des Geschehens merkwürdig still, als hielte in ihnen die Zeit an. Doch nur so vermögen sie, die sich in ihnen bewegenden Gestalten festzuhalten, sie mit in ihre Zeitlosigkeit einzubeziehen. Es sind surreale Welten, Traumzonen, in denen tradierte mythische Figuren und Symbole auf phantasierte treffen und sich mit privaten Codes mischen. Die Farbigkeit der Bilder wird von spröden Harmonien bestimmt, die ab und an durch heftige Farbkontraste signaltönend unterbrochen werden. Die Farbe ist dünn aufgetragen, eine mit Kasein vermischte Ölmalerei. Die Lineaturen scheinen rhythmischen Schreibmustern zu gehorchen, erlauben flächige Facetten wie geschlossene Formen gleichermaßen. Alle Deutungsspuren, auf die wir über die Titel der Bilder geschickt werden, sind mehr oder weniger Irrwege. Undwenn wir meinen den Schlüssel eines Bildes in Händen zu halten, wird es sich erneut vor uns verschließen. So einfachwie es scheint und durch Symbole und Bezüge vorgegeben wird, sind die Wege ins Innere der Bilder nicht. Die Malereien Eckart Meisels sind poetische Gebilde, lockende Geheimnisse, die sich nie wirklich preisgeben. Je näher wirihnen zu kommen meinen, desto weiter können sie sich entfernen. Es gelingen allenfalls Näherungen. Darin liegt zugleich der Zauber dieser Bilder, denn es hört nie auf, hinter die Vorhänge sehen zu wollen, ihr Dahinter zu ergründen.

Die vier Erzengel , ausgerichtet in die vier Himmelsrichtungen,zugeordnet den vier Elementen. Im auftrumpfendem Rot im Süden Michael, der Drachentöter. Ihm als Schatten zu Füßen Luzifer. Im Norden wacht Gabriel der Verkündigungsengel als blaue Lichtgestalt, die das keimende Leben schützt. Am rechten Bildrand im Osten steht der weiß gekleidete Uriel, der die Blitze schleudert, in die Trompete bläst. Im Bildhintergrund im Westen agiert Raffael, gehüllt in Grün, von der Rückkehr ins Paradies kündend. Doch das ist nur ein möglicher Einstieg ins Bild, das von archaischen Kämpfen zeugt, von kosmischen Urgewalten. Zugleich tobt auf dieser Bildbühne auch ein Stück Gegenwart, zu fassen über die innere Bildstruktur, die dicht am Chaotischen schlingert und auch von den Engeln nur mühsam beherrscht wird, gehören sie doch selbst zu dieser Struktur dazu. Alles scheint jeden Augenblick auseinander zu bersten, es splittert und weht, das blaue Nichts in der Mitte des Bildes scheint größer zu werden, auch wenn die Vier wie vorgegeben unbeirrt an ihren Plätzen harren.

Die Ankunft der Königin von Saba wird zu einer anderen Geburt der Venus, das Weibliche tritt machtvoll in die Welt. Alttestamentarische Gestalt mit zauberischen Attributen ausgestattet, voller Widersprüche ins heute transponiert, die weite Leere der Landschaft mit ihren Zeichen zu füllen.

Meine kleine Kali , Traumbild kaum fassbarer Zusammenhänge. Im Zentrum die blaue Göttin, Herrscherin über Leben und Tod, Urmutter. Selbstbewusst lagert sie auf der weißen Couch, mit ihrem über den Horizont ragenden Kopf, von dem Haar herabzuwuchern scheint. Ihr zu Füßen die dunkle Gestalt eines Ziegenbocks. Hinter ihr öffnet sich eine ins Weite schwingende Lebenslandschaft, sparsam mit symbolischen Verweisen versehen. Traumland, geheimnisvoll, in das wir unsere Augen wandern lassen sollten, nach Wegen zu suchen, die in neue Fernen führen können, unsere Phantasien anzutreiben.

 Die Geschichte von Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäugleln ist eine von Sehen und Erkennen, von Übersehen und Macht ausüben. Das Auge als Medium des Malers, durch das Welt ein- und ausgeht. Das alte Märchen der Brüder Grimm rumort nur noch im Hintergrund. Der Künstler lässt sich von seinen Vorstellungen forttragen, formuliert um, findet neu und baut dieses locker flirrende Bild dreier Möglichkeiten die Welt zu erkennen.

Mit dem ver-rückten Selbstportrait mit Uschebti zeigt sich der Maler von einer anderen Seite. Ein Brustbild, aber was für eines. Flammend steigen dem Künstler die Haare zu Berge, wie rote Federn. Im Arm trägt er vorsichtig skeptisch einen Fetisch, das Uschebti, sein verdoppeltes Ich, einen eher komischen Doppelgänger mit Fischschwanz, naseweisen Kerl, den er bei aller Nähe auf Distanz halten muss, auch wenn er ihn keinesfalls hergeben will. Wunderbar poetische Selbstbefragung: Bleib mir fern, komm mir nah, du Ich...

Auf einem weiteren Selbstbildnis offenbart er sich als tapferer Reiter auf Fabelwesen vor verschlossener Brücke, das rote Herz wie ein Schutzschild auf seiner Brust, der rote Hut wie eine Narrenkappe, Gefangener seiner eigenen Bildwelt. Anwesend ist Eckart Meisel in mehr oder weniger allen seinen Bildern. In der Malerei Drei Reiter scheint er gar verdreifacht. Als komischer roter Ritter im Vordergrund, der mit der Lanze den Fisch fängt, das erkennende Auge wie einen Lampion hinter dem Kopf. Gleich daneben meint man ihn in dem eigenartigen Reittier zu erkennen, das sich einer Frau gebeugt hat, kenntlich am Rot seines Haarschmucks. Und im Hintergrund glaubt man ihn im Chamäleon zu entdecken, das seine Farbe zur Tarnung wechseln kann. Das verwundertnicht, denn dieser Künstler stellt sich mit seinen Bildern immer auch selbst auf die Probe, erkundet mit ihnen, inwieweit er der Welt gewachsen ist. So kommt es vor, dass er sich als Helden direkt in seine Malereien hineinbegibt, dort die Aufgaben probeweise zu lösen, die ihm das Leben viel prosaischer stellt, z.B. als Heiliger Georg den Drachen zu bezwingen. Dass das immer auch ein Spiel, ein Sich- Verkleiden ist, lässt die Bilder nie in Bedeutungsschwere kippen, schafft atmende Freiräume. Zugleich ist etwasSchamanistisches in dieser erzählend beschwörenden Malerei. Es ist der Glaube an die Kunst, mit ihr Ängste und Ungewissheiten bannen zu können, Gegenwelten aufzurufen, Sicherheit zu geben. Sogar die wenigen Landschaftsdarstellungen, die der Natur direkt abgesehen scheinen, sind mit versteckten Symbolen unterlegt, wenn auch weniger offensichtlich.

In die Abendliche Landschaft ragt am unteren Bildrand ein Hagebuttenstrauch, gleich daneben gibt sich ein Hausdach zu erkennen. Beide korrespondieren inhaltlich mit dem Rot der untergehenden Sonne, verweisen auf eine innere Ankunft, bei der sich die Rosenblüten des Sommers in die reifen Früchte des Herbstes verwandelt haben. Dennoch bleibt gerade diese Malerei vor allem eine sinnlich erfahrbare wunderbare Abendstimmung. Der in die Tiefe gestaffelte Bildraum lässt den Blick vom Himmel zum weit sich dehnenden Land wandern. Nahe dem Horizont, eingebettet in einen goldgelben Himmelsstreifen, verglüht der rote Sonnenkreis. Saum der Nacht, Ruhe und Stille breiten sich aus. Es wäre unvollständig, würde man nicht die wundersamen keramischen Schöpfungen dieses Künstlers erwähnen, von denen man glaubt, sie seien direkt seinen Malereienentsprungen.

 Der Heilige Georg geht zu Fuß. Das Pferd ist ihm wie eine Kappe auf den Kopf gesetzt, und seine Lanze stößt er ins Herz eines eher friedfertigen, ein wenig aufgeblasenen Ungeheuers. Das Märchen vom Drachentöter

scheint sich beigemischt zu haben. Doch das göttliche Auge im Dreieck des Schildes, das der Held vor sich her trägt, vermag die eine Ebene mit der anderen zu versöhnen. Das Einhorn ist eine ebenso mehrschichtige Gestalt, mit seinem sänftenähnlichen Aufbau auf dem Rücken, perlengeschmückt. Unverrückbar steht es mit seinem gestreckten Wunderhorn, als trüge es schwer an seinen vielen Bedeutungen, kommt es doch tief aus der Vergangenheit. Ist schon im Orient zu finden, bevor es zum Zeichen der Jungfräulichkeit Marias wurde.

Irden enthoben dagegen die Madonna mit Kind, an der eine Lilie hochsteigt, deren Kelch die Mutter mit der linken Hand umfasst. Ihr Kopf ist mit der Mondsichel geschmückt, die eine Kugel als kosmisches Symbol birgt. Auf dem Spann ihres rechten nackten Fußes harrt eine Spinne, in alten Mythen Sinnbild der Weltenschöpferin. Auch hier wieder treffen sich die Bedeutungen, verschleifen sich die Zeiten...

Eckart Meisel geht damit unbeirrt seinen eigenen künstlerischen Weg weiter, abseits aller marktgängigen Trends. Der umtriebige Stadtindianer von einst ist bei sich angekommen. Äußerlich ruhiger, hat er seine Kreise ins Innere geweitet. Einer der Künstler, die aus einer Art Außenseiterposition heraus am Fundament der Leipziger Kunst mitbauen. Einer Kunst, deren Macher das eigene Leben und Erleben aus der künstlerischen Produktion weder ausblenden wollen noch können und die kunsthistorische wie mythologische Verortungen suchen, das auch formal auszudrücken. Das schließt ein, die eigene künstlerische Position immer wieder neu zu befragen und weiterzutreiben, bei Eckart Meisel Schaffensprinzip.

Ina Gille

 

 

 

Über meine Bilder

Sich ein Bild von etwas zu machen, ist die ursprünglichste Form des Denkens. Es ist eine Form des Denkens, die viel älter ist, als das lineare Denken in Worten. Ein Bild kennt keinen Verlauf, keine Zeit, denn alles Dargestellte, alles Sichtbare und alles Unsichtbare besteht gleichzeitig nebeneinander. So sind Bilder Bestandteil einer allgegenwärtigen Welt. Diese Zeitlosigkeit der Bilder wurde mir zum ersten mal bewusst, als ich in meiner Kindheit mit Reproduktionen steinzeitlicher Felszeichnungen in Berührung kam. Ich hatte damals nicht die leiseste Ahnung von ihrer Bedeutung. Trotzdem fühlte ich sofort, dass es Menschen wie ich waren, die diese Bilder gemalt hatten. Mit Mitteln wie sie jedem Menschen zu jeder Zeit zugänglich sind - Farben aus Erde auf Malgründen, die die Natur selbst hervorgebracht hat. Diese Menschen, so wußte ich, sind in ihren Bildern gegenwärtig, sie stehen neben mir - ich bin einer von ihnen.

Erst viel später habe ich mehr von dieser Malerei erfahren, habe von den Versuchen gelesen, die Inhalte dieser Bilder zu deuten, ihre Zeichen zu lesen. Erst viel später habe ich begonnen zu verstehen, dass die Inhalte dieser alten Bildern meiner Arbeit gegenwärtig sind. Neben den Bildern der Steinzeit waren es die Märchen, die mich seit meiner Kindheit in ihren Bann gezogen haben. Auch in den Märchen sind Zusammenhänge und verschiedene inhaltliche Ebenen so miteinander verwoben und verknüpft, dass sie letzten Endes außerhalb der Zeit stehen. Auch hier lernte ich erst Jahrzehnte später, zwischen den Zeilen dieser Geschichten zu lesen.

So wie meine künstlerische Entwicklung verlaufen ist, ergeht es mir immer noch bei der Entstehung eines Bildes. Zunächst ist da etwas mir Unbekanntes, etwas was aus dem Grund der Zeitlosigkeit aufsteigt, etwas was nach Gestalt und Form sucht. So entsteht ein Bild das ich zunächst nur intuitiv verstehe. Erst nach und nach nimmt es deutlichere Formen an und ich kann beginnen, darüber nachzudenken, kann vielleicht die eine oder andere Aussage klarerformulieren. Ein Bild ist der Wirklichkeit ähnlich. Der selbe Ort, sei es ein Waldlichtung oder ein Platz in einer Großstadt kann die unterschiedlichsten Eindrücke hervorrufen. Je nach der Richtung in die man blickt, je nachdem was man wahrnehmen will, wird jeder der diesen einen Ort gesehen hat, etwas anderes zu erzählen haben. Wenn ich auf den folgenden Seiten über meine Bilder spreche, wird es immer meine persönliche Sicht der Dinge sein, die da zu lesen ist. Dass mehrere Interpretationen möglich sind, ist kein Merkmal des Mangels, es ist ein Merkmal der Lebendigkeit und Wahrhaftigkeit eines Bildes. Ein Bild erzählt nicht nureine einzige Geschichte - es erzählt viele Geschichten gleichzeitig. So ist es ein kleines Universum in dem alles Denkbare möglich und alles Mögliche denkbar ist.

Imme werden meine Bilder mir einen Schritt voraus sein. Immer werden sie sich dem letzten Deutungsversuch verschließen,werden ihr letztes Geheimnis nicht preisgeben. Denn sie sind die Felszeichnungen, sind die Märchen, die jeder Mensch in sich trägt.

                                                  

                                                                                                                                     Eckart Meisel